Wirkung auf das Nervensystem

Zu jedem Zeitpunkt werden von den Tastkörperchen der Haut, den Muskelspindeln und den Propriorezeptoren im Bindegewebe undendlich viele Informationen über Berührung, Druck, Schmerz, Muskeltonus, Stellung der Gelenke im Raum, Schwerkraft etc. gemeldet. Diese werden von einfließenden Emotionen verfärbt, mit früheren oder ähnlichen Informationen verglichen, dementsprechend verfeinert oder verändert und schließlich von der sensorichen Hirnrinde als "momentanes Körpergefühl" wahrgenommen.

Der Körper besitzt eine geniale Lernfähigkeit: komplizierte Bewegungsabläufe die viel Aufmerksamkeit beanspruchen (z.B. Autofahren) werden bei häufigem Wiederholen als Bewegungsmuster gespeichert um so dem Körper zur Verfügung zu stehen, ohne das bewusste Denken zu stören. Eine Bewegungsabfolge wird so zum erlernten Reflex, der durch das bewusste Denken kaum noch beeinflusst wird.
Dieser Lerneffekt hat allerdings auch seine Schattenseite: auch Bewegungs- und Haltungsmuster, die unseren Körper schädigen, werden so zu erlernten Reflexen und sind nur noch sehr schwer zu ändern. Schonhaltungen nach längeren Schmerzperioden, Operationen und Unfällen und auch emotional bedingte Fehlhaltungen (z.B. bei chronischen Stress- und Angstzuständen) werden so zur "Normalhaltung" des Menschen. Eine sich stets wiederholende Gestik, Haltung oder Bewegungsabfolge führt nach einer gewissen Zeit unweigerlich zur Schablone, zum Reflex.

Interessanterweise hat man herausgefunden, dass die Organisation von Bewegungsmustern und erlernten Reflexen nicht wie erwartet am motorischen, sondern am sensorischen Cortex lokalisiert ist. Dies ist vielleicht der Grund dafür, dass diese reflexartigen Muster über das bewußte Denken so schwer zugänglich sind, durch gezielte Körperarbeit aber erstaunliche Erfolge erzielt werden können. Das muskuläre Muster kann direkt durch neues Empfinden überlagert und damit manipuliert werden.
Erhöht sich der Bewegungsspielraum in beeinträchtigten Gliedmaßen langsam bei unverändert angenehmen Empfindungen, entdeckt der Patient, dass viele Bewegungen die er gescheut hatte gar nicht schmerzhaft sind. Der Körper kann sich anders bewegen, weil der Geist etwas anders gefühlt hat! Körperarbeit ist somit eine wirkungsvolle Methode der Muskelumerziehung.

Jedoch, neue Bewegungs- und Haltungsweisen können nur in dem Moment übernommen werden, in dem ein altes Muster ausgeschaltet oder aufgelöst ist - also im Zustand der Entspannung.